Marsching, Palmer, Leif – Journalismus fast auf Augenhöhe

Der Großkampftag in NRW rückt näher und noch immer dominiert das Piratenphänomen die talkende Fernsehlandschaft. Nach dem stilfreinen Auftritt von Pirat Ponader im Anschluß an die Landtagswahl in Schleswig-Holstein habe ich heute mit einer gewissen Freude die Talkrunde um Thomas Leif, leider nur zum Teil, da ich zu lange dem privaten Hirngrill-TV frönte, wirklich genossen. – Blöd über eine Sendung zu bloggen, die man nur zum Teil verfolgt hat – aber nichtsdestotrotz: das was ich gesehen habe, hat mir wieder etwas Mut gemacht, daß die Piraten doch mehr sind, als ein chaotisches Sammelsurium mit Charme, wie es der Untertitel der Sendung vermuten ließ.
Auffällig insbesondere der respektvoll entspannte Meinungsaustausch zwischen dem durchaus sympathischen Boris Palmer von den Bündnisgrünen (dabei bin ich bekennender Grünenphobist) und seinem Talkpartner Michele Marsching, dem Piratenhäuptling von NRW. Gegensätzliche Meinungen wurden hier besprochen, nicht überbrüllt – beide Jungpolitiker machten in meinen Augen eine gute Figur.
Talkmaster Thomas Leif konnte sich natürlich die provokanten Fragen nicht verkneifen und das ist ja auch gut so – allerdings verfiel er (zumindest in “meiner” Sendezeit”) nicht auf die Mandras der notorischen Piratengegner, sondern hinterfragte die Funktionsfähigkeit der Piratenstrukturen in der Entscheidungsfindung und Positionierung der Partei – hier ließ Marsching einige Korrekturwünsche durchblicken, die ich der PP auch gern in meiner politischen Laienhaftigkeit hinter die Ohren schreiben würde – weg vom “jeder muß jeden fragen” hin zum “wer was vom Thema versteht, soll und kann mitentscheiden”. – in meinen Augen ein wichtiger Schritt nach vorn, der den basisdemokratischen Ansatz dennoch nicht verwässert.
Ich bin ja immer noch kein Piratenwähler, verfolge jedoch mit Neugier und Freude ihren Weg und ihre Entwicklung von der bunten Truppe hin zu einer entscheidungsfähigen Partei. Aus diesem Grund wünsche ich den NRW-Piraten nächste Woche auch ein gutes Ergebnis – mit Marsching haben sie, glaube ich, den richtigen Mann am Steuerrad.

facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailby feather

Johannes Ponader bei ntv – Souverän, aber blutleer

Vorgestern Marina Weisband – gestern abend Amtsnachfolger Ponader im Kreuzfeuer. Die Unterschiede zwischen den Interviews waren so gravierend, daß ich noch einen Beitrag auf diesem Blog nachlege.
Als Nichtpirat war mir der neue politische Geschäftsführer überhaupt kein Begriff, während ich Frau Weisband schon von verschiedenen Medienauftritten kannte und schätze.
Kennzeichnend für das ntv-Format ‘bei Brender’ war insbesondere der viel respektvollere Umgang von Moderator und Studiogästen mit dem “Delinquenten”. Natürlich war nicht zu vermeiden, daß bereits in den Eröffnungsfragen dem Zuschauer Einzelheiten über Ponaders sexuelle Vorlieben präsentiert werden sollten, in manchen Dingen sind Journalisten einfach alle gleich – erfrischend, wie souverän Herr Ponader dieses Thema zurecht vom Tisch wischte. Die nächsten Fragen hatten jedoch politische und organisationsbezogene Inhalte und unterschieden sich damit im Niveau wesentlich von den Fragen der Laienspieltruppe um Lanz zwei Tage vorher. Natürlich und zurecht wurden Programmpunkte und vor allem Programmlücken hinterfragt. Ponaders Auskünfte dazu waren zwar auch für meinen Geschmack nicht immer befriedigend (ich bin ja auch kein Pirat) – aber er hat in diesem Interview geschafft, was Frau Weisband 2 Tage zuvor verwehrt war: Ponader konnte den (zweifellos intelligenteren) Fragestellern nahebringen, dass der Ansatz der Piraten in der politischen Arbeit ein völlig anderer, eben ein basisdemokratischer ist. Das Verständnis dafür fehlt in der heutigen journalistischen und politischen Landschaft einfach und das macht es den Piraten so schwer, ihre Standpunkte und Methoden in der öffentlichen Debatte an die öffentlichen Medien zu bringen. Allein die Tatsache, daß Piratenkapitäne und Steuermänner keine Chef- und Meinungsposten innehaben, ist für Journalisten kaum zu begreifen – nicht zuletzt, weil es auch die Angriffsfläche nimmt, einzelne Personen politisch oder öffentlich fertigzumachen.

Interessant der Einwurf des Moderators, daß elektronische Basisbefragungen den zeitlichen Rahmen einer Sendung sprengen. Hier konnte ich mir nur im Stillen denken: Gewöhnt Euch dran – die Piraten werden sich nicht anpassen, also passt Eure Formate an. Aber auch dieser Einwurf zeigt, daß das Verständnis der Arbeitsmethode der Piratenpartei einfach nicht in den Köpfen verarbeitet werden will. Für altgediente Politikberichterstatter muß das in etwa so sein, wie wenn mir jemand Quantenphysik beibringen wöllte: Mein Hirn faßt es nicht, weil es sich außerhalb meines Erfahrungshorizontes bewegt. Diesen Spagat zwischen eigenem Selbstverständnis und journalistischer Empirie der Frager hat Ponader hervorragend hinbekommen, ich als Zuschauer hatte den Eindruck, daß alle Anwesenden am Ende der Sendung die Funktionsweise einer Piratenpartei verstanden haben. Das allein war die Sendung schon wert.

Kritisch betrachte ich jedoch die programmbezogenen Aussagen Herrn Ponaders. Hier blieben Antworten, die ein Wähler mit ernsthaften politischen Willen erwartet, auf der Strecke. Oder andersrum gesagt: Bei allen basisdemokratischen Funktionalitäten – wenn die Piraten nicht endlich in vielen Punkten programmatisch aus dem Quark kommen, wird der frische Wind in der Parteienlandschaft beizeiten aufhören, zu pusten. Und mich als Wähler interessiert nicht, ob man sich zum Politikerboykott der EM beschließt, sondern schlüssige Konzepte zur Finanzpolitik, zur Innenpolitik, zur Wirtschafts- und Außenpolitik, eingebettet in den europäisch-politischen Kontext mit Schnittstellen zu Finanzwirtschaft, Militär und Sozialwesen. Und die möchte ich in ihrer Endfassung lesen, bevor ich mein Kreuz mache, und zwar soweit vorher, daß mir auch Zeit bleibt, es ohne Wahl-o-Mat mit den Konzepten der anderen Parteien zu vergleichen. Ich wähle Regierungen und keine Berufsopposition, also erwarte ich Regierungsfähigkeit. Das heißt für die Piraten: Raus aus den Hängematten und alle Mann (und Frau) durcharbeiten, die Zeit wird schneller knapp, als erwartet.

facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailby feather

Lanz, Marina Weisband und die Merkbefreiten

Eigentlich schau ich ja ganz gern mal zum Einschlafen Lanzens Laberrunde an, aber was er und seine zweckmäßig ausgewählten Gäste sich am gestrigen Abend geleistet haben, widersetzt sich meinem gesunden Verständnis von journalistischer Arbeit. Ziel der Sendung war es, Marina Weisband, nunmehr Basismitglied der Piraten, zu diskreditieren und öffentlich zum Affen zu machen. Leider ist das zumindest beim denkenden Zuschauer nicht gelungen und dürfte ganz gewaltig nach hinten losgegangen sein. Schnell schossen sich der Moderator und seine Schergen auf das angeblich von den Piraten propagierte Recht auf Raubkopien ein. OK, man kann ja mal fragen so als Journalist. Aber was dann abging, war bar jeden journalistischen Anspruches, denn es wurde JEDE, aber auch JEDE Richtigstellung seitens Frau Weisband übergangen, überplappert und ignoriert, nur um die nächste vorbereitete Spitze nachschießen zu können, um die Piraten weiter in die kriminelle Ecke zu schieben. Frau Weisband kämpfte gegen die Windmühlen der absoluten Borniertheit mit bemerkenswerter Ruhe. Das Recht, dieser Spinnertruppe im Rundschlag paar Ohrfeigen zu verpassen, damit die Antworten auf deren Fragen auch mal mit der nötigen Aufmerksamkeit gehört werden, hätte ich ihr in diesem Moment nicht absprechen wollen. Es ist kein Geheimnis, daß in Deutschland zumindest die massenwirksamen Medien gleichgeschaltet sind und den Auftrag verfolgen, die Interessen der Filzparteien und des Kapitals beim Wahlvieh gegen Gebühr zu vertreten, aber wenn dieses Ansinnen so offensichtlich umgesetzt wird, daß auch piratenkritischen Menschen wie mir ob der Art und Weise übel wird, dann braucht sich niemand über den anhaltenden Zulauf zu wundern. Der beste Gag war es übrigens, eine gespachtelte und gespannte Frau Berghoff aus der Versenkung zu holen, um sie den ewigen Spruch von der inhaltslosen und programmlosen Piratenpartei runterleiern zu lassen – sodann widmete sich Lanz bei ihr den Dingen, die das Volk zu interessieren haben, nämlich Berghoffs Liebesleben. An dieser Stelle Dank an Lanz: Er hat überdeutlich gezeigt, welchen Auftrag die massenkompatible Journaille verfolgt und sich selber bloßgestellt. Dank auch an Frau Weisband für Durchhaltevermögen in mitten von Scheißhausparolen und vorbereiteter Ignoranz. Wer Nerven hat, kann sich den Unfug hier gern noch einmal zu Gemüte führen: Markus-Lanz-vom-1.-Mai-2012

facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailby feather

Erinnern Sie sich? Heute sind Wahlen!

Nein, hier folgt jetzt kein hochintelligenter und journalistisch wertvoller Beitrag über die Wahl und Ihre Mechanismen. Nur eine kurze Erinnerung an alle, die mit Argumentationshilfen, wie

‘die da oben machen eh was sie wollen’
‘die wollen nur unser Geld’
‘wenn Wahlen was ändern würden, wären sie verboten’

und ähnlichen Stammtischgejammer Ihre eigene Faulheit kaschieren wollen. Die Faulheit, sich Gedanken um die politische Zukunft des Landes zu machen oder die Faulheit, den Arsch aus der Furzmulle zu bewegen – das ist dabei einerlei. Aber denkt daran:

Nur wer wählen geht, darf hinterher auch meckern!

Und jetzt raus aus den Federn und Kreuze gemacht. Einen halben Tag ist noch Zeit.

facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailby feather

Keine Immunität mehr für Jörg Tauss

Tauss? Wer ist eigentlich Tauss? Genau, der Bundestagspirat, den man wegen Kinderporno drankriegen möchte. Gerechtfertigt? Tja, da diskutiert das halbe Internet drüber – das Problem am Fall Tauss war aber bislang, daß Ermittlungen zur Wahrheitsfindung am Immunitätsstatus seiner Person scheiterten.

Tauss geriet im Frühjahr wegen Besitzes kinderpornografischen Materials unter Druck.

Tauss sagte der AP, er habe in der Kinderporno-Szene recherchiert. «Als Abgeordneter habe ich so handeln dürfen.» Die Staatsanwaltschaft hatte hingegen früher argumentiert, der Politiker habe keinen dienstlichen Auftrag gehabt und könne sich deshalb nicht darauf berufen. Quelle

Gleich, was herauskommt – mit der Aufhebung seines Immunitätsstatuses ist die Justitz und auch die Öffentlichkeit einen Schritt näher an der Wahrheitsfindung. Die Piratenpartei gibt sich gelassen, es bestehe kein Handlungsbedarf, solang eine Schuld von Jörg Tauss nicht nachgewiesen ist.

facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmailby feather