Die Bloggerseuche – sind wir nicht alle ein bischen blogga?

Blogger – das war mal der Begriff für Menschen, die ihre Meinung oder ihre Erlebnisse in Regelmäßigkeit der Netzgemeinde zur Verfügung stellten, der (das) Blog war das passende Werkzeug. Eine verschworene Gemeinschaft, oft politisch motiviert, die Einheitsmedien und ihre Einheitsmeldungen zu überbrücken und den Leser ungefilterten Zugang zu den verschiedensten Aspekten des Weltgeschehens zu gewähren. Blogs waren lesenswert für jene, die gern den einen oder anderen Blick üer den eigenen Tellerrand riskierten, oft intellektuell angehaucht und wenn schon nicht immer mit Wissen, dann zumindest mit Meinung geschrieben. Kurz – Blogs waren Information und Blogger die Robin-Hoods des Informationszeitalters.

Doch dann zeigte sich in mittelgrauer Vorzeit, dass unser aller Suchmaschine offenbar die Beiträge von Blogs recht weit vorn in den Suchergebnissen zeigt. Sicher nicht mit der Absicht, den anderen, damals üblichen statischen HTML-Seiten zu schaden, sondern mit der Erkenntnis des beschränkten Suchalgoritmus, dass Blogs ja stets aktuell und damit findenswert sind und der gewöhnliche Googler ja auch stets die neuesten Meldungen lesen möchte. Das erkannten natürlich auch ganz schnell jene Leute, die damals SEO betrieben und mit seinerzeit recht einfachen Mitteln Internetpräsenzen in den Suchergebnissen nach vorn pushen konnten: Der Blog wandelte sich vom Werkzeug der Informanten zum Werkzeug des Teufels Suchmaschinenoptimierers. Jeder Mist, der über Werbeklicks Geld einspielen sollte, wurde nun mittels eines Content Management Systems (vereinfacht: Blogsoftware) veröffentlicht, um vorn in Googles Ergebnissen zu erscheinen und Klicker anzulocken. Und plötzlich waren alle möglichen Licht- und dunklen Gestalten BLOGGER.

Das Ergebnis der Blog- und Bloggerinflation ist heute, dass wahrgenommen jede Website, und sei sie noch so klein und sinnbefreit auf fetten Blog-Scripten aufgesetzt ist. Und ebenso jedwede Möglichkeit, den Menschen Werbung unterzujubeln. Der Blog als Informationsmedium spaltete sich in unzählige Unterbloggattungen auf, deren überwiegende Anzahl dem Kohlescheffeln auf die eine oder andere Art dient. Damit läßt sich ja durchaus leben und umgehen, aber das Problem ist, dass sich nun tatsächlich jeder bezahlte Lippenstifttester als Blogger bezeichnet und die einschlägigen Treffpunkte für Blogger geflutet sind mit Beautyblogs, Testblogs und provisionsbehafteten “Vergleichs” – Blogs – dem Blogger vom alten Schlag bleibt nur die Flucht ob der Verdrängung und der schleichende Untergang in der Isolation – denn neue Netzbenutzer suchen und besuchen seinen Blog nicht mehr – der Begriff ist bei ihnen mit “Werbeplattform” oder Spam assoziiert und nicht mit freier Information. Noch gibt es Leuchttürme enthusiastischer Informationsverbreiter, doch ihre Sichtbarkeit schwindet für eine Generation, die Suchmaschinen nicht mehr bedienen kann und Webadressen ins Googleformular tippt… Der deutsche Linkgeiz gibt den letzten echten Blogs dann den Rest, denn verlinkt wird nach PageRank (2014!) und “Sichtbarkeitsindex”, nicht nach Informationsgehalt.

Vielleicht sollte der eine oder andere, der etwas zu sagen hat, wieder auf die guten alten statischen HTML-Seiten zurückgreifen, könnte ja sein, dass Googles Algoritmus darüber so erschrickt, dass er diesen Fund als besonders wertvoll einstuft und weit vorn listet… Wer weiß das schon? Immerhin kann Google sicher sein, dass es sich bei solch einer Entdeckung um kein Spamblog handelt :)

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One thought on “Die Bloggerseuche – sind wir nicht alle ein bischen blogga?

  1. LINKGEIZ – das trifft es mitten ins Herz – und es ist die größte Internet-Katastrophe. Sogar noch vor der traurigen Tatsache, dass das Internet dank sozialen Netzwerken zu 93,5% aus Katzenbildchen besteht!
    Ich persönlich halte mich für einen “Qualitätsblogger” – d.h. schreibe ich eine Review, dann ist das Produkt (egal ob Software, App, Mobiltelefon oder PC Hardware) ausgiebig geprüft. Da werden dann auch schon mal Verarbeitungsmängel aufgezählt, mangelnde Akkulaufzeit moniert, oder ein bei Sonne schlecht ablesbares Display kritisiert.
    So etwas wird von den Herstellern ja nicht so gern gelesen – und wird deshalb bei fremdfinanzierten “rosawolken alles ist toll solange es pink ist” Produkttest Blogs nicht geschrieben – überhaupt sind deren Tests nicht wirklich zielführend. Die Infos der Herstellerseite abschreiben, auf denen nur die vermeintlich positiven Eigenschaften über den Klee gelobt werden, ist kein Test.Schaut man dann bei denen in die Blogroll fällt man fast vom Stuhl. 50 und mehr die gleichen Schrottblogs, wo man sich gegenseitig verlinkt und über den grünen Klee lobt. Die haben gefühlt ca. 3 Fantastillionen Backlinks – für die Knaller musste Google wahrscheinlich 3 neue Serverfarmen einrichten.Ich könnte mir aber ehrlich gesagt nicht vorstellen mehr als 5 Blogs mit gleichem Inhalt am Tag zu besuchen, ohne dass es mir langweilig wird.
    Mittlerweile reagiere ich auch zickig, wenn Blog-Gurus bei g+ auf einen Link kommentieren, dies aber nicht auf meinem Blog tun. Das schreibe ich dann auch nett – und tatsächlich realisieren dann einige, dass Sie selber nicht das tun, was Sie anderen predigen und melden sich brav an und kommentieren dann auch. Manchmal muss man es den Leuten einfach sagen, dass man deren Verhalten nicht optimal findet.. ^^
    Peter kürzlich veröffentlicht…Sonntagsgedanken: Die Tribute von Panem: “Fröhliche Hungerspiele” – wenn die Realität die Fiktion im Sauseschritt überholt..My Profile

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