Johannes Ponader bei ntv – Souverän, aber blutleer

Vorgestern Marina Weisband – gestern abend Amtsnachfolger Ponader im Kreuzfeuer. Die Unterschiede zwischen den Interviews waren so gravierend, daß ich noch einen Beitrag auf diesem Blog nachlege.
Als Nichtpirat war mir der neue politische Geschäftsführer überhaupt kein Begriff, während ich Frau Weisband schon von verschiedenen Medienauftritten kannte und schätze.
Kennzeichnend für das ntv-Format ‘bei Brender’ war insbesondere der viel respektvollere Umgang von Moderator und Studiogästen mit dem “Delinquenten”. Natürlich war nicht zu vermeiden, daß bereits in den Eröffnungsfragen dem Zuschauer Einzelheiten über Ponaders sexuelle Vorlieben präsentiert werden sollten, in manchen Dingen sind Journalisten einfach alle gleich – erfrischend, wie souverän Herr Ponader dieses Thema zurecht vom Tisch wischte. Die nächsten Fragen hatten jedoch politische und organisationsbezogene Inhalte und unterschieden sich damit im Niveau wesentlich von den Fragen der Laienspieltruppe um Lanz zwei Tage vorher. Natürlich und zurecht wurden Programmpunkte und vor allem Programmlücken hinterfragt. Ponaders Auskünfte dazu waren zwar auch für meinen Geschmack nicht immer befriedigend (ich bin ja auch kein Pirat) – aber er hat in diesem Interview geschafft, was Frau Weisband 2 Tage zuvor verwehrt war: Ponader konnte den (zweifellos intelligenteren) Fragestellern nahebringen, dass der Ansatz der Piraten in der politischen Arbeit ein völlig anderer, eben ein basisdemokratischer ist. Das Verständnis dafür fehlt in der heutigen journalistischen und politischen Landschaft einfach und das macht es den Piraten so schwer, ihre Standpunkte und Methoden in der öffentlichen Debatte an die öffentlichen Medien zu bringen. Allein die Tatsache, daß Piratenkapitäne und Steuermänner keine Chef- und Meinungsposten innehaben, ist für Journalisten kaum zu begreifen – nicht zuletzt, weil es auch die Angriffsfläche nimmt, einzelne Personen politisch oder öffentlich fertigzumachen.

Interessant der Einwurf des Moderators, daß elektronische Basisbefragungen den zeitlichen Rahmen einer Sendung sprengen. Hier konnte ich mir nur im Stillen denken: Gewöhnt Euch dran – die Piraten werden sich nicht anpassen, also passt Eure Formate an. Aber auch dieser Einwurf zeigt, daß das Verständnis der Arbeitsmethode der Piratenpartei einfach nicht in den Köpfen verarbeitet werden will. Für altgediente Politikberichterstatter muß das in etwa so sein, wie wenn mir jemand Quantenphysik beibringen wöllte: Mein Hirn faßt es nicht, weil es sich außerhalb meines Erfahrungshorizontes bewegt. Diesen Spagat zwischen eigenem Selbstverständnis und journalistischer Empirie der Frager hat Ponader hervorragend hinbekommen, ich als Zuschauer hatte den Eindruck, daß alle Anwesenden am Ende der Sendung die Funktionsweise einer Piratenpartei verstanden haben. Das allein war die Sendung schon wert.

Kritisch betrachte ich jedoch die programmbezogenen Aussagen Herrn Ponaders. Hier blieben Antworten, die ein Wähler mit ernsthaften politischen Willen erwartet, auf der Strecke. Oder andersrum gesagt: Bei allen basisdemokratischen Funktionalitäten – wenn die Piraten nicht endlich in vielen Punkten programmatisch aus dem Quark kommen, wird der frische Wind in der Parteienlandschaft beizeiten aufhören, zu pusten. Und mich als Wähler interessiert nicht, ob man sich zum Politikerboykott der EM beschließt, sondern schlüssige Konzepte zur Finanzpolitik, zur Innenpolitik, zur Wirtschafts- und Außenpolitik, eingebettet in den europäisch-politischen Kontext mit Schnittstellen zu Finanzwirtschaft, Militär und Sozialwesen. Und die möchte ich in ihrer Endfassung lesen, bevor ich mein Kreuz mache, und zwar soweit vorher, daß mir auch Zeit bleibt, es ohne Wahl-o-Mat mit den Konzepten der anderen Parteien zu vergleichen. Ich wähle Regierungen und keine Berufsopposition, also erwarte ich Regierungsfähigkeit. Das heißt für die Piraten: Raus aus den Hängematten und alle Mann (und Frau) durcharbeiten, die Zeit wird schneller knapp, als erwartet.

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4 thoughts on “Johannes Ponader bei ntv – Souverän, aber blutleer

  1. Herr Ponader hat Abitur mit 1,0 gemacht.
    Herr Ponader hat 2 Stipendien erhalten.
    Andere wären froh um so viele Talente.
    Was macht er daraus? Sich verwirklichen und gegen Harz4 kämpfen, es aber beanspruchen. Arbeit, die nicht aus dem Kulturbereich kommt, lehnt er ab.
    Trotz Harz4 war er vor einigen Wochen in Südkorea!

    Schule, Studium durch Stipendium, Harz4 dann Politk…

    Politische Verantwortung für Menschen, die noch nie für sich selbst Verantwortung übernommen haben?

    Nein, Danke. Haben wir schon genug.

  2. Ich find die Piraten schwierig. Aber auf der anderen Seite finde ich, dass es eigentlich keine wirkliche Alternative gibt.

    Mit meiner Stimme würde ich auch nicht sagen, dass ich bei den Piraten jetzt schon irgendwas wähle, sondern eher, dass ich denen noch mal ein paar Jahre Zeit gebe, um an Ihrem neuartigen Konzept zu arbeiten, aber dazu wäre ich bereit … die Alternativlosigkeit halt …

    Ponader finde ich ein bisschen zu intellektuell, als dass er den Mann von der Straße erreichen könnte, aber das wird man sehen müssen.

  3. Ponader konnte ich nie leiden, der hat was von einem Typ den ich mal kannte. So einer, wenn du ihn kennenlernst denkst du auch aus Unvoreingenommenheit: “der ist ja cool” und dann wenn du ihn mal eine Weile kennst merkst du wie nervtötend penetrant und stur der eigentlich ist. Mit solchen leuten ist es ganz schwer zu arbeiten, denn Ego, Radikialität und Tatendrang sind eine saftige Mischung. Solche Leute sind einfach zu extrem, da kommt nie etwas dabei raus ausser Mist und Frust für die anderen. Irgendwann ist er dann ja zurück getreten, war auch überfällig. Man bedenke dass die Piraten mal zeitweise zweistellig in Umfragen waren. Da wurde der FDP ganz bange, aber solche Typen wie Ponander, der hat das dann für die Liberalen gerichtet. Jetzt ist nächste Woche Wahl bei wenigen % für die Piraten. Ego ist immer schlecht für eine Gruppe, das lähmt die anderen wenn einer immer ne Extrawurst braucht und im Mittelpunkt stehen muss.

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